Laudatio für Monika Müller


Sehr geehrte Damen und Herren,


zunächst möchte ich mich für die Einladung bedanken, an dieser schönen Feier die Laudatio, also die Lobrede, für Frau Müller halten zu dürfen. Dieser Einladung bin ich natürlich sehr gerne gefolgt, weil wir rund 15 Jahre lang beruflich – gemeinsam – einige schöne Dinge gemacht haben.
 
Dann gelten meine Grüße natürlich den verantwortlichen Organisationen und den  Repräsentantinnen und Repräsentanten – (um allen Peinlichkeiten einer von mir falsch gewählten Rangfolge zu entgehen will ich sie in alphabetischer Reihenfolge nennen):

  • Herrn Bolze als Geschäftsführer des Deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes
  • Frau Dietl vom Hospiz am St. Elisabeth-Krankenhaus
  • Frau Jahnel und Herrn Kolodziej vom Elisabeth Vinzenz Verbund und von der SAPV der Elisabeth Mobil
  • Herrn Wüstner von den beiden Krankenhäusern St. Elisabeth und St. Barbara
  • und den Schwestern vom Orden der Heiligen Elisabeth, die für diese Ver-anstaltung den herrlichen Raum zur Verfügung gestellt haben.
Monika Müller zwischen Benno Bolze und Prof. Dr. Michael Wissert (Foto Daniel Schweitzer)
Monika Müller zwischen Benno Bolze und Prof. Dr. Michael Wissert (Foto Daniel Schweitzer)

Dankesreden sind immer heikel! Wie soll man am besten beginnen? Vielleicht so, wie es Inger-Maria Mahlke bei der Verleihung des Buchpreises im Oktober gemacht hat?  „Ich möchte allen danken, die wissen, dass es einen Unterschied gibt zwischen Büchern und Joghurt.“ – Mit diesen Worten begann sie eine kurze Dankesrede, als sie im Oktober dieses Jahres mit dem Deutschen Buchpreis geehrt wurde. Und sie führte dazu weiter aus: Dass sie eben dankbar sei, dass es noch Menschen gäbe, die zu unterscheiden wissen zwischen wirklich existenziellen Erfahrungen, die selten geworden seien, und den mit Emotionen und vermeintlichen Glückgefühlen durchtränkten Werbebemühungen, „mit denen inzwischen jeder zweite Joghurt“ im Fernsehen und auf Plakatwänden beworben werde .

Mit dem inhaltlichen Kern des Redebeginns der Buchpreis-Trägerin sind wir auch mitten im Anlass des heutigen Abends angelangt. Ncht, weil es hier um Joghurt geht, sondern um die existenziellen Erfahrungen des Menschen von der Geburt bis hin zum Sterben und zur hospizlichen Begleitung sterbender Menschen.

Der Namensgeber des Preises – Heinrich Pera – hatte diese Erfahrungen in all ihren Widersprüchlichkeiten in sein Leben aufgenommen und sie im hospizlichen Handlungsfeld in einer mutigen Pionierarbeit gelebt. Sein Wirken und sein Werk waren so erfrischend unerschrocken und sind so vorbildlich machtvoll, dass sie bis heute in alle Hospizarbeit ausstrahlen.
Und dieses Wirken bildet heute Abend auch den Anlass und den Rahmen, um Dich, liebe Monika, zu ehren für Dein berufliches Lebenswerk, das Dir im Geiste und auch in der Nachfolge von Heinrich Pera zur Aufgabe geworden war und noch immer ist.

Mit ihm und seinem Wirken verbindet Dich ja unmittelbar unter anderem auch eine dreijährige Zusammenarbeit im Vorstand der damaligen Bundesarbeitsgemeinschaft Hospiz Mitte der 90er Jahre. Du hast damals bei der Herausbildung der ersten bundesweiten verbandlichen Strukturen der Hospizarbeit sieben Jahre als stellvertretende Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft inhaltlich und strukturell prägend gewirkt. Damit hast auch dazu beigetragen, dass das inhaltlich Verbindende der Hospizarbeit trotz der anfänglich sehr großen Vielfalt und teilweise auch der Differenzen der einzelnen Vereine, Verbände, Ideen, Konzepte, spirituellen Auffassungen und auch Praktiken von hospizlicher Begleitung in Deutschland, dass dieses inhaltlich Verbindende und Verbindliche stets deutlich sichtbar blieb und alles hospizliche Handeln leiten konnte.

Daneben, oder besser gesagt als zentraler Baustein Deines Wirkens, hast Du 1992 die ALPHA-Stelle in Bonn gegründet (man könnte auch sagen „erfunden“) und bis 2012 geleitet. Du hast sie entwickelt als eine (und dafür stehen ja die einzelnen Buchstaben des ALPHA) neutrale, allen zugängliche Ansprechstelle im Land Nordrhein-Westfalen für Palliativarbeit, Hospizversorgung und Angehörigenbegleitung.

Mit diesem Konzept – nämlich auf der Landesebene eine inhaltlich und strukturell verbindende und Brücken schlagende Beratungsstelle einzurichten, die auch maßgeblich durch Qualitätsentwicklung, Qualifizierung und Forschung wirkt – mit diesem Konzept warst Du Deiner Zeit ebenso ein Stück weit voraus wie Heinrich Pera es in den 1980er Jahren war.

Einige der Schriften und Veröffentlichungen von Dir und den jeweils „Mitdenkenden“ – zur Qualifizierung und zur Qualität in der ehren- und hauptamtlichen Begleitung sterbender Menschen und der Angehörigen auch in ihrer Trauer – sind gewissermaßen Standardwerke des hospizlichen Handelns geworden. Sie haben auch Eingang gefunden in rechtliche Regelungen für die fachliche Qualifi¬zierung im Bereich von Palliative Care.

Etwas ganz Besonderes war und ist aus meiner Sicht die Gründung der Fachzeitschrift LEIDfaden, die sich wirklich interdisziplinär, nicht im Nebeneinander, sondern im Miteinander der Disziplinen und Konzepte mit den vielfältigen Krisen im mensch¬lichen Leben befasst. Der LEIDfaden stellt auf fachlich hohem Niveau dar, aber insgesamt für jeden verstehbar und ästhetisch beeindruckend, welche Sichtweise einzelne Professionen – oder besser gesagt: Expertinnen –  beim jeweils gewählten Themenschwerpunkt des Heftes einnehmen. Ein solches Unterfangen, wie die Gründung einer Fachzeitschrift mit völlig neuer Ausrichtung zwei Jahre vor dem Eintritt in den Ruhestand anzugehen – das allein nötigt Respekt ab. Und ist ein großer Gewinn für die verständliche Verbreitung wissenschaftlichen Hintergrundwissens für die vielfältigen Themenbereiche bei menschlichen Krisen und vor allem bei der Hospizarbeit.

In Deinem fachlichen Interesse standen stets auch die individuellen Blicke sowie das Fühlen des sterbenden Menschen und der Angehörigen auf das zu Ende gehende Leben, und wie wir alle in der Begleitung angemessen damit umgehen können.
Das Respektieren dieser Sichtweisen im möglichen Spannungsfeld zu denjenigen Sichtweisen der begleitenden und versorgenden Menschen führte Dich vor allem bei der Qualifizierung zur Sterbe- und zur Trauerbegleitung immer wieder zur Frage, wie wir uns im Alltag und im beruflichen Handeln darauf einlassen können, dass selbst scheinbar objektive Tatbestände und Gegebenheiten vieldeutig sind und subjektiv sehr unterschiedlich wahrgenommen und empfunden werden:

„Ich sehe was, was Du nicht siehst“ – das Einlassen auf das Verfahren dieses Kinderspiels (so es heute denn überhaupt noch gespielt wird) bildet letztlich eine der wichtigsten Haltungsgrundlagen und der Stärken der hospizlichen Begleitung, nämlich:

  • das aufmerksam-geduldige Zuhören und Wahrnehmen,
  • dann das Anbieten des Gehörten und Gesehenen, vermeintlich Begriffenen oder Gefühlten,
  • danach das Zulassen-Können und Annehmen eines „Neins“, oder eines „Stimmt nicht“ oder eines „Stimmt noch nicht“,
  • und die interessierte Wiederholung des Verfahrens

Warum ist dieses Verfahren so bedeutsam?

In der hospizlichen Begleitung begegnen sich (stark vereinfacht) zwei Expertenschaften: die eine Expertenschaft weiß alles über das selbst erfahrene Leid, über einen Schmerz, den nur der sterbende Mensch auf seine Weise spürt.

  • Er weiß (oder ahnt) alles über seine Bedürfnisse und kann sie dennoch oftmals nicht so artikulieren, dass die anderen es hören oder verstehen können.
  • Er spürt seine Ängste und seine Wünsche, und er ist Experte und voller Wissen über die dunklen Wolken und die Stürme seiner Verzweiflung.


Die andere (hospizliche) Expertenschaft weiß (hoffentlich) alles

  • über die möglichen Wege zu potentiellen Hilfen, über mögliche Mittel zur Linderung der körperlichen und seelischen Leiden, über mögliche und nicht mögliche Tröstungen.
  • Und über die Wege, die aus dem Schmerz hinausführen können sowie über wichtige Pfade durch das mitunter unüberschaubare Labyrinth der Leistungen unseres sozialen Hilfesystems.

Wird die hospizliche Begleitung – als Expertin für das Helfen und Unterstützen – das sehen, wahrnehmen und verstehen können, was der sterbende Mensch sieht und was seine Zugehörigen sehen? Oder bleibt es bei einem letztlich unaufgelösten: „Ich sehe was, was du nicht siehst“? Insgesamt bleibt dieses: „Ich sehe was, was du nicht siehst“, eine fortlaufende Aushandlung der Deutungen des Wahrgenommenen und eine gegenseitige Verständigung darüber im Prozess der Begleitung und Unterstützung.

Ein schönes Bild für die Bedeutung dieses Wahrnehmens und Widerspiegelns habe ich bei Mark Twain  gefunden, der 1888 in einem Brief an einen Kollegen schreibt: „Der Unterschied zwischen dem beinahe richtigen Wort und dem richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Glühwürmchen und dem Blitz.“

Die Sorgfalt und auch Beharrlichkeit, mit der Du, liebe Monika, in Deinen hospizlichen Qualifizierungskursen immer Wert darauf gelegt hast, dass die jeweiligen Sichtweisen des Gegenüber gut wahrgenommen und richtig zurückgespiegelt werden können, zielt eben genau auf die mögliche Auflösung dieses Kommunikationsdilemmas.

Ich will zum Abschluss kommen:
Dein berufliches Wirken im hospizlichen Handlungsfeld war (und ist immer noch) so vielseitig ausstrahlend und hat so viele bedeutsame Spuren hinterlassen, dass Heinrich Pera Dir diese Auszeichnung vermutlich gerne selbst überreicht hätte. Du hast verdienstvoll das fortgeführt, was er begonnen hatte.

Ich selbst habe es immer als große Ehre betrachtet und als Freude empfunden, in den vergangenen 18 Jahren bei einigen Projekten mit Dir zusammenarbeiten zu dürfen. Diese gemeinsame Arbeit mit Dir war für mich immer auch ein Abenteuer:
Du hast dabei so viele neue Ideen verfolgt, Konzepte entwickelt und spannende Forschungsfragen gestellt, dass man davon nur fasziniert sein konnte.  Es waren Abenteuer im eigentlichen Wortsinn des Lateinischen „Adventus“:
„Die Ankunft nach einer Fahrt“. Arbeiten mit Dir war immer eine aufregende Fahrt, bei der Du das Ziel schon klar vor Augen hattest, der Weg dahin aber oft noch sehr unbestimmt und lustvoll abenteuer¬lich war.

Schließen möchte ich mit einem Gedicht von Reiner Kunze enden: Diese kurzen Verse sind für mich Ausdruck der Qualität hospizlicher Begleitung und aller anderen Wagnisse des Lebens, die zwei Menschen gemeinsam unternehmen.

„Rudern zwei in einem Boot,
der eine kundig der Sterne,
der andre kundig der Stürme,
wird der eine führn durch die Nacht,
wird der andre führn durch die Stürme,
und am Ende, ganz am Ende,
wird das Meer in der Erinnerung blau sein.“