Und wenn sie nicht gestorben sind – Ein Abend im Bann der Märchen


Jana Raile in Aktion
Jana Raile in Aktion

Am Dienstagabend fand im Christian-Wolff-Haus in Halle ein ganz besonderer Abend statt. Wie jedes Jahr lud das Hospiz am St- Elisabeth-Krankenhaus Ehrenamtliche und Angestellte des stationären Hospizes ein, um gemeinsam einem Vortrag zu lauschen. Leider konnte der Abend nicht für die Menschen der Stadt geöffnet werden, weil auf Grund der Corona- Beschränkungen nur wenige Plätze zur Verfügung standen.Doch trotz Abstand und Masken verbrachten die Gäste einen gemütlichen Abend im Bann der Märchen.

 

Jana Raile, Märchenerzählerin aus der Nähe von Hamburg, nahm sie mit auf eine Reise durch das Land der Geschichten und Bilder. Eindrucksvoll erzählte sie vom Wasser des Lebens, ein Märchen der Gebrüder Grimm, in das sie andere Märchen und Geschichten aus aller Welt einbettete.


Seit 1992 ist Jana Raile professionelle Erzählerin. Sie erhielt ihre Ausbildung im Centre for the Research of Developement of Traditional Storytelling in England. Vor sechs Jahren veröffentlichte sie ihr Buch Trauerbegleitung mit Märchen beim Param Verlag. In Märchen lassen sich wunderbare Bilder für die Ängste und Hoffnungen der Menschen finden, die mit dem Tod konfrontiert sind. Es sind manchmal sehr kleine Hinweise, wie das Bild der Echse, die den Menschen eine Nachricht von Gott überbringen will. Sie macht Spuren im Sand und wischt sie mit dem Schwanz wieder weg. Ist das das Leben? Dass wir kurz Spuren hinterlassen, die dann doch irgendwann wieder verschwinden?

Jana Raile mit Claudia Maul und Markus Kotsch vom Ambulanten Dienst
Jana Raile mit Claudia Maul und Markus Kotsch vom Ambulanten Dienst

Jana Raile zog mit ihrer Art zu sprechen, mit dem Heben und Senken der Stimme, mit einer klaren Gestik und sanften Klangelementen das Publikum in ihren Bann. Selbst beim Märchen vom Dornröschen, das jeder erwachsene Mensch kennt, lauschten alle auf jedes Wort.

 

Im Anschluss an die Erzählung sprach Jana Reile mit den Anwesenden über Bilder, die besonders waren. Da ist die Geschichte vom kleinen Männlein am Wegesrand, das den Helfer symbolisiert. Der Helfer spielt auch in der Hospizarbeit eine wichtige Rolle und er muss – wie auch das Männlein – geduldig sein, denn seine Hilfe ist nicht immer willkommen. Und dann war da noch das Bild des Mannes, der sich an einem Weinstock festhielt, über dem Abgrund hing und eine letzte Erdbeere aß, die köstlichste Frucht, die er je schmecken durfte. So kann das Lebensende auch eine Zeit sein, in der man noch einmal diese Kleinigkeiten genießt, in dem sich das Leben auf das fokussiert, was noch geht. Spannend war auch der Aspekt, dass sowohl beim Wasser des Lebens als auch bei Dornröschen und bei Gevatter Tod, der Tod überwunden werden sollte. So wurde deutlich, dass es den Menschen schon immer schwerfiel, den Tod als Ende zu akzeptieren.


Die Märchen, die Jana Raile erzählt, sind inspirierend und können Halt geben. Sie versteht sie als Hilfe für Sterbende, für Helfende und für alle Menschen, die mit dem Lebensende beschäftigt sind. Die Erzählerin kam zu ihrem Beruf, den man wohl eher Berufung nennen kann, als sie die Ausbildung zur Krankenschwester absolvierte. Sie pflegte eine junge Patientin, nur wenige Jahre älter als sie, die hirntod war. Der Umgang mit der jungen Frau, die unzureichende Wahrnehmung der Patientin als Mensch, machte Jana Raile klar, dass sie in diesem System nicht arbeiten könnte. So besann sie sich auf eine Leidenschaft, die sie seit frühester Kindheit hatte – die Märchen. Jana Raile begann, ihren eigenen Weg zu gehen. Und das ist, was sie den Gästen am Dienstag vor allem mit auf den Weg gab. Am eigenen Weg sollte man nicht vorbeilaufen, man sollte sich direkt darauf begeben und ihn Schritt für Schritt gehen. Denn dieses Leben, das hat man nur einmal.